Dieser SpOn-Artikel über die Belastungen, denen sich deutsche Schüler (auch und ganz vorneweg in Hessen) ausgesetzt sehen, hat mich ein bisschen über meine Schulzeit nachdenken lassen. Immerhin ist es so lange noch nicht her, und meine kleine Schwester befindet sich gerade jetzt in der heißen - sprich mörderischen - Abiturvorbereitungsphase.
Nun gehöre ich zu den glücklichen, die ihr Abitur noch “bei McDonalds in der Juniortüte” bekommen haben: “Nur” vier Prüfungsfächer, Mathe und Deutsch nicht Pflicht, kein Zentralabitur, das ganze nach 13 Jahren und nicht nach 12. Pisa war gerade aktuell, als ich in die Oberstufe kam. Ich kann mich übrigens noch gut an das wundervolle Gefühl erinnern, von allen Seiten als Vollidiot beschimpft zu werden - viel anders war es nämlich für die “betroffenen” nicht. Aber dafür hatten wir sowohl in als auch um die Schule eine schöne Zeit. Sogar die Abivorbereitung hat in einem gewissen Rahmen Spaß gemacht.
Da sieht der Vergleich zu heute schon ein bisschen dunkler aus. Allein was ich bei meiner Schwester sehe, erinnert mich mehr an Hochdruck-Pauken als an sinnvolles Lernen. Und die armen Kinder, die das volle Programm in 12 Jahren durchziehen “dürfen” können einem wirklich nur noch leid tun. Irgendwas ist da gehörig schief gelaufen.
Ich persönlich denke ja, das grundlegende Problem sind weniger die verkrusteten Strukturen und die inkompetente Politik, sondern die “typisch deutsche” Ich-will-alles-aber-umsonst-Haltung, welche anscheinend nicht in der Lage ist, sinnvoll auf Veränderungen zu reagieren.
Wenn man sich anschaut, wie sich der Arbeitsmarkt mit der Zeit entwickelt hat, wird einem das Problem recht schnell klar:
Früher brauchte man eine große Zahl Arbeitskräfte, die nur grundlegende (Volks-/Hauptschule) oder mittlere (Realschule) Kenntnisse in der Schule vermittelt bekamen. Die eigentliche Qualifikation fand in der Berufsausbildung statt. Das Resultat waren in der Regel gut Augebildete (Fach)arbeiter, die nicht allzu lange in der Schule rumsaßen und trotzdem zumindest die wichtigsten Sachen auch außerhalb ihres eigentlichen Arbeitsbereiches draufhatten. Dazu wurde noch eine geringe Anzahl extrem hoch qualifizierter Spezialisten benötigt - mit viel längerer Schul- und Studiendauer. Entsprechend waren Gymnasium und Studium wirklich nur von extrem hellen Köpfen zu schaffen.
Doch wie das halt so ist, hat sich die Nachfrage nach Arbeitskräften gewandelt: Heute ist “einfache” Arbeit immer seltener Gefragt, dafür werden gut ausgebildete Multitalente. Die gibt es praktisch nur mit Hochschulabschluss oder zumindest Abitur (von Ausnahmen mal abgesehen). Nun stehen wir vor dem Problem, dass unser Bildungssystem zwar Ingenieure von Weltniveau ausspuckt, aber leider viel zu wenige davon.
Die Antwort darauf ist relativ simpel, wurde in fast allen anderen europäischen Ländern vollzogen und zum Teil unter dem Stichwort “Bologna-Prozess” Europaweit festgeschrieben: Die Vorraussetzungen für ein Studium absenken, die Studiengänge flexibler und vielseitiger gestalten und einen “kleinen” Abschluss einführen, der relativ schnell erreicht werden kann (Bachelor). Im Prinzip wird also das Niveau der Absolventen im vergleich zu vorher abgesenkt, der durchschnittliche Bildungsstand der Menschen beim Berufseintritt insgesamt aber angehoben. Für die wirklichen Braniacs steht der Weg nach oben natürlich weiter offen.
In Theorie gar nicht so verkehrt, nur muss das Schulsystem natürlich auch angepasst werden. In Deutschland bedeutete das Jahrelang fast schon instinktiv die sukzessive Herabsetzung der Anforderungen für das Abitur, weil das ja weiterhin die einzigmögliche Eintrittskarte für die Hochschule bleiben musste. Das führte leider auch dazu, dass die anderen beiden Schulzweige extrem absacken (sowohl an Schülern als auch an Niveau) und dass deutsche Schüler im Vergleich halt länger brauchen, um in die Uni vorzustoßen - das Gymnasium ist ja weiter als “Vorfilter” für die “alte” Hochschule konzipiert.
Doch statt in den sauren Apfel zu beißen, das System der geänderten Anforderungen anzupassen, erhöht man einfach den Druck auf die Schüler. Womit man in der heutigen Situation angekommen ist, die so traurig wie ironisch ist: Das Niveau für den Antritt eines Studiums soll eigentlich sinken, doch der gesetzlich verordnete Weg dahin wird immer schwerer zu bewältigen. Von so tollen Ideen wie Studiengebühren gar nicht zu reden.
Also in die Schule wöllte ich heute wirklich nicht gehen…