“Terrorismus” ist schon ein extrem interessantes Wort. Interessant vor allem deshalb, weil es gelungen ist, dieses Wort wie kein anderes binnen weniger Jahre von einer “Nischenexistenz” im alltäglichen Sprachgebrauch zu ändern.
Überlegen wir doch mal. Wenn man 1999 von “Terrorismus” gesprochen hat, was wurde damit assoziiert? ZDF-Dokus, Naher Osten, vielleicht mal ein kurzer Nachrichtenbeitrag, wenn etwas “größeres” passiert ist. Zumindest war der Begriff in der Wahrnehmung recht eng umrissen: RAF, Palästinenser, Mogadishu…
Und heute? Heute ist “Terrorismus” zu einer Worthülse verkommen. Einer extrem gefährlichen Worthülse.
Alles ist Terrorismus!
Ob Selbstmordattentäter in Israel, Clankämpfer in Afghanistan, Steinewerfer in Rostock, Brandstifter in Griechenland, Hooligan in Italien oder Hacker in Deutschland: Alle sind Terroristen, zumindest wenn man Politikern und Staatsanwälten glaubt.
Was ist eigentlich mit dem schönen Wort “Kriminalität” und seinen Abwandlungen passiert, dass es nicht mehr ausreichend ist, verbotenes Tun zu beschreiben? Immerhin wäre ein Großteil der oben erwähnten Gruppen als “Verbrecher” viel besser beschrieben. Zumindest, wenn man nach der eigentlichen Bedeutung geht.
Der Trend setzt sich auch in neuen Gesetzen fort: Gesetze werden gegen “Terroristen” gemacht, obwohl man eigentlich Verbrechen bekämpfen will.
Terroristen sind viel böser als normale Kriminelle
Terrorismus ist “natürlich” sehr viel gefährlicher als “normale” Kriminalität, zumindest wenn man Politik, Medien und Stammtisch glaubt. Und deshalb braucht man viel schärfere Regeln, um Terrorismus bekämpfen zu können. Mehr Polizei, mehr Geheimdienste, mehr Paranoia, mehr Überwachung, weniger Bürgerrechte, weniger Rechtsstaat.
Und aus diesem Grund muss man Terroristen auch nicht wie Verbrecher behandeln, diese bleiben nämlich auch während der Ermittlungen, Verhandlung und evtl. im Gefängnis erstmal Bürger und behalten viele ihrer Privilegien als solche. Bei Terroristen braucht man das nicht. Die sind ja viel böser und gefährlicher. Das mit der Unschuldsvermutung wäre natürlich auch grob fahrlässig. Bei so gefährlichen Leuten.
Terrorismus ist praktisch
Man kann mit Terrorismus als Schlagwort die absurdesten Gesetze begründen und Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Prävention ist alles. Augenmaß ist was für zukünftige Terroropfer.
So kann man mit der Begründung “Terrorismus” Maßnahmen durchpauken, die sonst sofort an zu großen Widerständen oder zu wenig Geld gescheitert wären.
Terrorismus ist überall
Je mehr Handlungen mit Terrorismus in Verbindung gebracht werden, je öfter ein harmloses Feuer in einer Lagerhalle zuallererst mit einem Anschlag in Verbindung gebracht wird, desto mehr scheint es, als würde tatsächlich hinter jeder Ecke ein böser Terrorist stehen.
Diese Tatsache fordert natürlich geradezu, dass immer mehr Menschen unter Generalverdacht gestellt werden. Was wiederum zu schärferen Maßnahmen und mehr Delikten im “Terror-Katalog” führt, wodurch der gesamte Prozess sich permanent selbst verstärkt.
Und das ist des Pudels Kern: “Terrorismus” als Wort wird deshalb so inflationär genutzt, weil der normale Bürger in seiner subjektiven Wahrnehmung heute viel mehr mit Terrorismus bzw. potenziellen Terroristen zu hat. Und dieser Eindruck wird bewusst geweckt und verstärkt, weil sich dadurch unbemerkt immer weitreichendere Maßnahmen umsetzen lassen. Denn “Terrorismus” bedeutet ja auch, dass für eine verdächtige Person nicht die “normalen” Regeln gelten.
Man könnte also mit Fug und Recht behaupten, “Terrorismus” ist etwas, dessen man die Leute bezichtigt, von denen die Politik und Behörden wollen, dass für sie die normalen Spielregeln nicht gelten.
Was das ganze so gefährlich macht, ist die Tatsache, dass auf diesem Wege irgendwann die Regeln für niemanden mehr gelten werden. Denn beim Vorwurf “Terrorismus” ist zunächst mal der Verdacht ausschlaggebend, nicht die Verurteilung. Der Verdacht allein kann schon schlimmste Repressionen nach sich ziehen, und der “Verdächtige” weiß im Regelfall noch nicht einmal etwas davon.
Deshalb geht von diesem Wort eine so große Gefahr aus. Es ist nie genau nachvollziehbar, wie man des “Terrorismus” verdächtig wird. Und wenn man es ist, hat man verloren.
“Terrorismus” ist unser “Gedankenverbrechen” - Alle Facetten staatlicher Willkür, Unterdrückung und Paranoia in einem Wort zusammengefasst. In einem Wort, von dessen eigentliche Bedeutung nicht mehr als ein Schatten übrig ist.
Ein Wort, das immer häufiger genutzt wird.