Eins gleich vorneweg: Entschuldigung für diesen unsortierten Strom von Gedanken… beim nochmal drüberlesen ist mir aufgefallen, dass vielleicht ein paar Absätze gut getan hätten. Aber ich lasse es jetzt erstmal so und hoffe auf euer Verständnis.
Im Vergleich zur Zensursula-Debatte ist das Thema zwar etwas in den Hintergrund gerückt, aber trotzdem komme ich nicht umhin, mir in letzter Zeit zu dem ganzen “Urheberrechts-Komplex” ein paar Gedanken zu machen. Seit ich die ganze Diskussion über “geistiges Eigentum” (Patente, Urheberrecht, Markenrecht usw.) verfolge, fällt mir auf, wie oberflächlich diese meistens geführt wird. Interessanterweise wird sie aber auch von den Befürwortern eines “neuen” Urheberrechts eher selten in der Detaillierung betrachtet, die bei einem so komplexen Thema notwendig wäre. Meistens geht es wirklich nur um alles oder nichts. Warum das so ist, kann ich nicht sagen – vielleicht weil es bei dem Thema sehr leicht fällt zu formulieren, was man selbst will und im Gegenzug sehr schwer ist, das was die anderen wollen im Blick zu behalten. Das Problem ist relativ einfach beschrieben: Alles was mit “geistigem Eigentum” (ich verwende den Begriff nur sehr ungern und ausschließlich mangels sinnvollen anderen Begriffen) zu tun hat, ist schlicht nicht mehr Zeitgemäß. In unserer globalen Welt ist das Patent- und Markenrecht ein einziges Minenfeld, durch dass man nur mit viel Glück oder noch mehr Geld unbeschadet kommt. Und das Urheberrecht… naja, spätestens mit Zuses Erfindung hatte sich das jetzige Copyright-System sowieso überlebt. Überall wo man hinschaut: nix als Ärger mit dem Kram. Die Anhänger der “alten Ordnung” in Musik- und Filmindustrie führen einen verzweifelten Kampf gegen Windmühäähhh “Raubkopierer”. Für Software war das ganze eh nie wirklich geeignet, was zu der unsäglichen Software-Patente-Diskussion und dem bekannten Wildwuchs an Lizenzen geführt hat. Medikamentenhersteller kämpfen gegen ganze Länder, und Verleger gegen Google. Als Endanwender kann man ja eigentlich nur hoffen, nicht erwischt zu werden, sobald man mehr macht als CDs zu kaufen und sie alleine zu Hause zu hören. Und als Anbieter kann man entweder in dem Wahnsinnsspiel mitmachen oder man lässt es einfach ganz bleiben. Also für mich sieht es so aus, als wäre die gegenwärtige Rechtslage nicht unbedingt förderlich für Innovation und Wissensaustausch. Genau genommen ist es ein Wunder, dass überhaupt noch Sachen erfunden und kreative Werke geschaffen werden. Wissensgesellschaft? Informationszeitalter? Pah, wir sind reich und mächtig geworden, weil wir unseren Kram für uns behalten haben! Nun sind die Probleme ja nicht wirklich neu, aber trotzdem hat eine grundlegende Betrachtung in den letzten Jahren nicht stattgefunden. Aus irgendeinem Grund wird die Diskussion hauptsächlich von denen bestimmt, die sagen, Patente, Urheberrecht usw. sollen den “Schaffenden” dienen und damit meinen, dass damit die Profite weniger großer Firmen geschützt werden sollen. Was grundlegend an der ganzen Diskussion falsch läuft ist, dass die vielschichtigen Regeln von diesen Leuten fröhlich in einen Topf geschmissen werden: Patentrecht, Urheberrecht, Markenrecht: Egal, ist ja alles irgendwie geistiges Eigentum und jedes Antasten der Rechte von “Schaffenden” (sprich: großen Firmen, die “Schaffende” ausnutzen) ist Diebstahl. Das dumme ist nur, dass diese Argumentationslinie von vielen unter “uns”, die hier eine Änderung wollen, ebenfalls aufgegriffen wird. Wenn einer mit dem klassischen Mediamarkt-CD-Diebstahl-Vergleich kommt und der Gegenüber darauf auch noch eingeht, ist eigentlich alles verloren. Denn Diebstahl ist falsch. Es handelt sich um mehrere extrem komplexe Fragestellungen, für die es nicht eine simple Antwort geben kann. Die Regierungen handeln seit einigen Jahren gemäß einer solch einfachen Antwort (Diebstahl ist schlecht! Wir müssen die Erfinder/Künstler besser schützen!) und es funktioniert offensichtlich nicht besonders gut. Interessanterweise ist das auch ein Bruch mit der eigenen Tradition: Patentrecht, Urheberrecht usw. sind ja nur deshalb so kompliziert geworden, weil hier schon immer eine Abwägung zwischen den Interessen der “Schaffenden” und der restlichen Gesellschaft stattgefunden hat. Und auf dieser Basis muss auch wieder gehandelt werden, wenn wir nicht in Zukunft nur Patentanwälte und Musikmanager, sondern auch Erfinder, Ingenieure und Musiker haben wollen.
Würde man die Diskussion etwas sachlicher führen, könnte man auch feststellen, dass der ganze “Eigentum”-Vergleich sowieso totaler unfug ist. “Eigentum” bezieht sich immer auf eine Sache, die irgendjemand mal hergestellt hat. Das kann man erwerben, verkaufen, kaputt machen, verschenken oder sonstwas damit tun. Das alles geht mit “geistigen” Werken nicht uneingeschränkt. Immer, wenn es um “Wissen” im weitesten Sinne geht, funktioniert die Analogie gar nicht mehr – schon allein deshalb, weil jemand, der sein geistiges Werk weitergibt, es dadurch nicht verloren hat. Und seit es Computer gibt und damit die Kosten für die Verfielfältigung geistiger Werke praktisch gegen 0 gehen, ist das gesamte gedankliche Konstrukt komplett hinfällig.
Wie also wollen wir in Zukunft einerseits sicherstellen, dass sowohl die Gesellschaft als auch die Kreativen davon profitieren, dass neues geschaffen wird? Das ist die zentrale Fragestellung und sie geht weit darüber hinaus, wie lange das Copyright oder Patente gelten sollen.
Vor allem muss die Trennung zwischen den einzelnen Bereichen “geistigen Eigentums” erhalten bleiben – ein Patent ist etwas grundsätzlich anderes als das Urheberrecht und muss es auch bleiben. Ein zweiter wichtiger Punkt ist hier internationale Zusammenarbeit. Da muss sich auch einiges ändern, und zwar so, dass nicht nur die großen Konzerne von den Abkommen zum Thema profitieren.
Und als dritten wichtigen Punkt sehe ich Software – hier müsste man sich was komplett neues einfallen lassen. Der Vorschlag von RMS, dass auch kommerzielle Hersteller ihren Sourcecode hinterlegen müssen (ähnlich wie bei Patenten die Baupläne) geht hier schon mal in die richtige Richtung.
Ich denke, wenn wir es schaffen, hier mit der Diskussion anzusetzen, ist schon mal viel gewonnen. Und die Diskussion muss irgendwann ohne Scheuklappen geführt werden, wenn wir das mit der Wissensgesellschaft wirklich ernst nehmen wollen.