Es ist schon ein bisschen seltsam – so kompliziert und manchmal verworren die der Lauf der Geschichte auch ist: Es gibt trotzdem immer wieder zentrale Momente, einzelne Ereignisse, welche die weitere Entwicklung, das Leben ganzer künftiger Generationen maßgeblich beeinflussen.
Gut, man könnte jetzt argumentieren, dass es nur oberflächlich auf den Außen stehenden so wirkt und natürlich alles viel komplizierter ist. Ich bin aber trotzdem der Meinung, dass der Verlauf der Geschichte durchaus maßgeblich von den Handlungen einzelner zu bestimmten, zentralen Zeitpunkten bestimmt wird – historischen Ereignissen eben.

Wirklich spannend sind die natürlich, wenn man sozusagen “live” dabei sein kann. Dank Internet und moderner Kommunikation quasi in der zweiten Reihe.
Umso ärgerlicher natürlich, wenn man voller Erwartung zusieht und die historische Chance verstreichen sehen muss.

Na klar, es geht um Ägypten und das geradezu fahrlässige Verhalten unserer selbsternannten “freien Welt”.

Die Demonstranten auf den Straßen Kairos und der anderen Städte fordern eine demokratische, offene Gesellschaft… Hallo, worauf soll man denn da als westlicher Staatenlenker noch warten? Ist das nicht das, was wir eigentlich die ganze Zeit haben wollen?
Und da gehen die Leute einfach auf die Straße und fordern – genau das.
Und die erreichen das undenkbare – Mubarak ist bereit, abzudanken.
Und was machen unsere selbsternannten Demokratischen Führer der Freien Welt? Sie fallen ihnen auch noch in den Rücken. Eine Schande.

Diese Leute, die es gegen alle Widrigkeiten geschafft haben, eine echte Veränderung einzuleiten, stehen vor einer Mammutaufgabe. Und ganz ehrlich: Ohne Hilfe aus dem Westen wird kein Ziel zu erreichen sein. Es gibt in Ägypten keine demokratische Opposition. Es gibt keine Parteien, keine NGOs, keine freien Gewerkschaften, keine Zivilgesellschaft, ja noch nicht mal eine ausreichend gebildete und zahlenmäßig starke Mittelschicht, die etwas davon im Ansatz auf die Beine stellen könnte. Was es gibt ist eine Massenbewegung, die den Rücktritt Mubaraks fordert.
Und danach? Fängt die Arbeit erst an – der Sumpf aus Korruption, Vetternwirtschaft und Misswirtschaft der “Staatspartei” NDP muss trockengelegt werden, es müssen völlig neue, transparentere Strukturen in der öffentlichen Verwaltung geschaffen werden, es müssen freie Wahlen organisiert werden und und und.
Passiert dies nicht, wird sich der nächste (frei gewählte?) “Präsident” der gleichen Machtstrukturen wieder bedienen und nichts wäre gewonnen.

Wie gesagt, das alles werden die Ägypter nicht alleine schaffen – sie benötigen dazu Hilfe. Aber “wir” sind noch nicht mal bereit, sie bei ihrer völlig legitimen Minimalforderung zu unterstützen. Dabei ist die Zurückhaltung unserer Herren und Damen “Sicherheit” und “Stabilität” nicht nur verlogen und feige, sondern auch dumm.
Vorgeblich hat man ja in den einschlägigen Kreisen Angst vor den Muslimbrüdern. Tja, wisst ihr was? Die radikalen Moslems sind außer Mubaraks Partei die einzige real existierende Massenorganisation in dem Land! Wenn wir also nicht helfen, eine demokratische, offene, dem Westen und seinen Werten freundlich gesinnte Opposition aufzubauen (in den 50 Millionen Ägyptern, die weder Mubarak-Anhänger noch fanatischer Moslem sind, werden sich ja wohl ein paar finden lassen), werden genau die Muslimbrüder zur einzigen Mubarak-Alternative!

Wobei “die Partei” als solches auch noch nicht abgeschrieben werden darf.
Selbst wenn Mubarak heute zurücktreten sollte (wonach es ja – vielleicht oder auch nicht – momentan aussieht) – Demokratie gibt es dort deshalb noch lange nicht. Die Demonstranten können vielleicht Mubarak vom Thron stoßen, das System besteht trotzdem weiter. Das Ägyptische Staatswesen ist von Mubaraks Machtstrukturen vollständig durchsetzt – der komplette Staat ist durch und durch korrupt, autoritär und in seiner Struktur so aufgebaut, dass er die Alleinherrschaft aufrecht erhält. Eine Diktatur, wie sie im Buche steht eben.
Auch wenn man jetzt einige oder selbst alle Namen an der Spitze austauscht – das System besteht dennoch weiter, schon allein durch die Millionen von Profiteuren an allen wichtigen Stellen. Hinzu kommt noch, dass Mubarak seine Hausaufgaben in Despotentum gemacht hat. Gemäß dem alten Leitsatz “Teile und Herrsche” gibt es ja in Ägypten nicht eine Polizei und einen Geheimdienst, sondern derer gleich mehrere, die größtenteils konkurrieren und/oder sich überschneidende Kompetenzen haben.
Was dort jetzt passiert, kann sich jeder eigentlich ganz gut selbst ausmalen: Überwall werden jetzt informelle Netzwerke aktiviert, Loyalitäten ausgelotet, Pöstchen hin und her geschoben und – genau – mächtig Kohle verteilt. Und so wie ich das verstanden habe, ist das genau das, was unsere politischen Oberkasper so als “geregelten Übergang” bezeichnen, das Ergebnis wird mit Demokratie nicht viel zu tun haben.

Sprich: Wenn der Wind aus Europa und Amerika nicht sehr bald und sehr kräftig dreht sind die Aussichten für Ägypten entweder “weiter wie bisher” oder “islamischer Gottesstaat”. Wobei “weiter wie bisher” dann in einigen Jahren auch “islamischer Gottesstaat” bedeuten dürfte.

Kann mir mal einer verraten, was daran “stabil” und “sicher” ist?

Ach, und einen hab ich noch: Ägypten ist nicht einfach irgendein Land. Es ist das bevölkerungsreichste Arabische Land, dass immer noch eine politische und kulturelle Vormachtstellung in Nordafrika und dem Nahen Osten hat – man kann also davon ausgehen, dass andere Länder in dieser (ja weltpolitisch völlig irrelevanten Weltgegend) dem Ägyptischen Vorbild folgen werden.

Wer jetzt also was von Stabilität, geregeltem Übergang und so faselt und die alten Regime weiter stützt, erreicht genau das Gegenteil: Er heizt die Unruhe nur weiter an, schürt den Hass auf den Westen, sorgt für neue Konflikte und züchtet sich selbst die Feinde von morgen heran.

Natürlich kann das auch passieren, wenn wir die Opposition in den arabischen Ländern beim Aufbau echter demokratischer Gesellschaften nach Kräften unterstützen – aber so wie ich das sehe, fordern die Menschen dort im Moment doch – noch! – genau das. Und eben nicht das, vor dem alle hier Angst zu haben scheinen.

Im Endeffekt haben wir ja eigentlich nichts zu verlieren, oder?