Wie öffentlich ist eigentlich “öffentlich”?

Ja, es geht um das Sommerloch-Thema Nr. 1. Aber eigentlich auch wieder nicht. Denn ich werde mich weder der StreetView ist das Ende des Datenschutzes-Fraktion anschließen, noch vom Ende des Internet in Deutschland schwadronieren. Ich habe mir in den letzten Wochen (eigentlich auch schon länger) viele Gedanken zum “Fotografieren von öffentlich zugänglichen Sachen und für alle ins Internet stellen” gemacht – erstmal auch unabhängig davon, wer das jetzt genau macht.

Grundsätzlich sollte man sich nämlich die Frage stellen: Was heißt in diesem Zusammenhang “öffentlich”? Vor vielen Jahren, als die Unterscheidung in “öffentlich” und “privat” in Gesetze gegossen wurde, hatte der Großteil der Bevölkerung noch nicht mal eine Kamera. Computer gab es noch nicht, von Internet gar nicht zu sprechen. “Öffentlich” heißt also: etwas, dass sich jeder (theoretisch) angucken kann, wenn er denn gerade da ist. Das gilt für eine Hauswand genau so wie für einen belebten Platz. Und wenn ich gerade auch da bin, können die anderen auch mich sehen. Nicht mehr und nicht weniger. Mit dem Internet und Social Media, Flickr, Streetview und was danach kommt ändert sich das allerdings gewaltig – in dem Moment, in dem jeder mit einem Smartphone inkl. HD-Kamera, GPS-Empfänger und Facebook/Twitter/Maps/Flickr-App rumläuft, sehen mich, mein Haus, mein Auto auf einmal nicht nur die Leute, die es halt sehen, sondern plötzlich potentiell alle. Mehr oder weniger zentral gespeichert, für immer. Mit genauer Datums- und Zeitangabe. Wenn man jetzt noch so Sachen wie Gesichtserkennung, Biometrie usw. mit dazu nimmt, ist das schon eine beängstigende Vorstellung. Flächendeckende Überwachung per Social Media und Crowdsourcing sozusagen.

Jetzt will ich hier nicht den Teufel an die Wand malen, aber es ist ja schon heute so. Wenn mich jemand am Würtchenstand (mit-) fotografiert, könnte das Bild von mir an der Wurstbude binnen weniger Minuten die ganze Welt sehen. Und zurückholen is nich. Ist das noch “öffentlich”? Nur, weil ich mich an einem öffentlichen Platz aufhalte, muss es ja nicht jeder gleich wissen, oder? Eigentlich darf man gar nicht genauer drüber nachdenken, wenn man sich “in der Öffentlichkeit” bewegt. Ja, auch ich könnte morgen schon eine Youtube-Attraktion sein.
Scheiß Gefühl, wenn man so drüber nachdenkt.

Ich denke, hier ist eine “öffentliche” sprich gesellschaftliche Debatte wirklich überfällig. Einerseits muss sich jeder für sich selbst fragen: Muss ich das jetzt fotografieren? Muss ich das der ganzen Welt zum anschauen zur Verfügung stellen?
Andererseits müssen wir uns als Gesellschaft auch auf Regeln einigen, die von unseren Politikern in Gesetze gegossen werden sollten (möglichst nicht erst dann, wenn es zu spät ist).
Nur weil etwas “öffentlich” ist, muss das noch lange nicht heißen, dass man es auch fotografieren, aufzeichnen, verschlagworten, mit Geo- und Zeitstempel versehen und ins Netz stellen muss. Auch harmlose Bilder und Videos werden, in der Masse zentral abgelegt und auswertbar, in den Händen der falschen Leute zu einer gefährlichen Waffe. Bereits was heute so bei Youtube, Flickr, Picasa usw. an öffentlich einsehbarem Bildmaterial abgelegt ist, ist für einige ein echter Schatz – und das nicht im Positiven.

Ich will hier den Teufel nicht an die Wand malen, wie jede Entwicklung hat auch diese Vorteile und Gefahren – aber denkt mal drüber nach und tut Hinweise auf die Gefahren nicht einfach als “German Angst” ab. Und denkt mal an mich, wenn ihr das nächste Mal auf einem harmlosen Touristen-Foto auftaucht.