Tue, 2009-09-22, 20:13

Jehova!

by Timm

Er hat Jehova gesagt!

Es geht natürlich um das berüchtigte “Junge Freiheit”-Interview von Andreas Popp. Gewisse Parallelen zur berühmten Steinigungsszene können da tatsächlich nicht geleugnet werden.

Nun bin ich ja weder Piratenpartei-Mitglied (höchstens Sympatisant oder so) noch Junge-Freiheit-Leser, hab zu dem Thema also eigentlich nichts zu sagen. Allein: wirklich schockiert war ich von den Reaktionen der “Netz-Community” nicht. Okay, mit der Jungen Freiheit muss man jetzt nicht unbedingt sprechen, wenn die nach nem Interview fragen. Aber wenn man es doch tut bedeutet das genau – was? Eine Nähe zum rechten Rand? Weil man einer Zeitung nen Interview gibt, die von rechtsextremen gelesen zu werden?
Also Leute, wirklich. Das ist schon ein bisschen weit hergeholt.
Aber zum Thema “ist die Piratenpartei rechts” ist schon mehr als genug geschrieben, getrollt und geflamed worden – was zu erwarten war. Ich beteilige mich an dieser Stelle mal nicht an der Diskussion, zumal die momentan ja sowieso hauptsächlich selbstreferentiell ist. Vielmehr ist mir mal wieder aufgefallen, wie die öffentliche Diskussion abgleitet, sobald es um “die Nazis” geht.

Wirklich erschreckend ist dabei immer wieder die ritualisierte Empörungswelle, die über den aktuellen “schuldigen” hinwegrollt. Und da erdreistet sich doch der Seipenbusch auch noch, den politischen Umgang mit dem braunen Rand zu kritisieren. Dieser alte Faschist! (Ironietags hab ich mal weggelassen)

Was mich bei solchen Diskussionen (hat man ja immer mal wieder) so extrem stört ist das fast schon hysterische kreischen der Kommentatoren. Ich hab teilweise den Eindruck, da wird sich wirklich nur aus Prinzip aufgeregt und das abgedroschene geblubber von der ständigen Gefahr durch Rechts runtergeleiert.
Wer die ganze Zeit nur das “mit denen darf man einfach nicht reden und man muss sich immer distanzieren weil mitdenendarfmanjanieniemalswaszutunhaben”-Geschwafel runterbetet und hauptsächlich drauf bedacht ist, sich möglichst weit von “den rechten” zu positionieren, überlässt dem braunen Lumpenpack einfach kampflos das Feld.

Je mehr man sich nur darüber definiert, möglichst weit von “den anderen” weg zu sein, desto weniger hat man “denen” entgegenzusetzen. Heutzutage brüllen die Rechtsextremem nicht mehr plump “Ausländer raus” und zünden Asylbewerberheime an, heute reden sie lieber in Anzug und Krawatte von “Rückführung” und sitzen im Landtag. Und warum? Weil die “wehrhafte Demokratie” jahrelang mit Empörung und Distanzierung beschäftigt war, statt sich mal ernsthaft mit dem Problem auseinander zu setzen. Ums mal mit Seipenbuschs Worten zu sagen: Ein paar feine Stoppschilder haben wir uns da aufgebaut.

“Mit solchen Leuten spricht man nicht”. Dumm nur, dass solche Leute aber trotzdem sprechen. Und je mehr wir uns bemühen, nichts mit “denen” zu tun zu haben, desto mehr Menschen werden ihnen zuhören, und nicht mehr uns.
Nicht jeder NPD-Wähler und JF-Leser ist ein überzeugter Nazi. Und selbst wenn: Auch diese sind Menschen – ihnen stehen die gleichen Rechte und Freiheiten zu wie allen anderen auch.
Um mal die Ärzte zu zitieren: Ja, die Sonne scheint auch für Nazis.

Und diese Leute sind nunmal heute schlau genug, ihre Ansichten so zu verpacken, dass es keine Volksverhetzung ist. Jetzt kann man sich natürlich immer weiter distanzieren und von jedem Themenfeld verabschieden, dass auf diese Weise vom braunen Rand besetzt wird. Und nebenbei auch von den Menschen, die mit Ihren aus political correctness ignorierten Sorgen meinen bei “denen” Gehör zu finden.

Xenophobes und authoritäres Gedankengut existiert nunmal und man kann es nicht durch bloßes ganz-doll-wollen abschaffen. Und statt was von drohender Unterwanderung zu schwafeln und bei jeder Gelegenheit vor der rechten Gefahr zu warnen, sollten wir mal was dagegen tun. Man überzeugt Menschen nicht, indem man gleich die Nazi-Keule schwingt.

Hoppla, hab ich da etwa auch “Jehova” gesagt.

4 Comments »

  1. Zwei Sachen:

    Erstens ist die Frage wichtig, wem die Aufregung um das JF-Interview geschadet hat und wem es geholfen hat. Die JF hat einen riesigen Aufmerksamkeitsschub bekommen plus einen Haufen Piraten, die sich auf Grundlage eines Wikipedia-Artikels mit Verweis auf frühere Interviewpartner (Knobloch etc) ihre Sache verteidigt hat. Genau wie Du jetzt. Andererseits hat die Piratenpartei dadurch, dass sich immer wieder rechte und rechtsextreme Diskutanten mit auf ihre Seite geschlagen hat, einen irreparablen Image-Schaden erlitten.

    Ob aus bösem Willen, aus schierer Dösigkeit oder aus Opportunismus: sowas nennt man einen Fehltritt.

    Zweitens: Zu glauben, man hole Nazis dadurch mit ins demokratische Boot, indem man mit der JF spricht, ist – gelinde gesagt – naiv. Ich habe das so bei mspr0 kommentiert: “(Und wer tatsächlich glaubt, ein einziger JF-Leser würde jetzt Piraten wählen, dem muss ich sagen, was damals schon der Knobloch gesagt wurde: das ist Wunschdenken.

    “Deswegen gelte es, neben öffentlichen Protestaktionen, auch rechtsradikale Jugendliche, bevorzugt solche, die in ihren Ansichten noch nicht gefestigt seien, direkt anzusprechen. Das Medium einer Zeitschrift der extremen Rechten ermögliche es dabei, in die abgekapselte Welt der Nazimilieus vorzudringen.

    „Diese Vorstellung ist naiv“, führte Thomas Lill, Mitarbeiter im Arbeitskreis Antifaschismus der Fachhochschule Düsseldorf, auf Nachfrage der bsz dazu aus: „Zum einen hat Sebastian Jobelius eine völlig falsches Bild von der Leserschaft der Jungen Freiheit. Das ist weniger der jugendliche Nazi-Mitläufer als vielmehr der Alte Herr einer ultrarechten Burschenschaft. Und bei dem ist in Punkto Überzeugen Hopfen und Malz verloren. Und selbst wenn Sebastian Jobelius einen Text in einer Zeitschrift für jugendliche Neonazis plazieren könnte, sollte er nicht vergessen: Die sozialpädagogische Forschung ist sich weitgehend einig, daß jugendliche Nazis nur zu überzeugen sind, wenn man aus einer Position der Stärke zu ihnen spricht, also die Rahmenbedingungen für das Gespräch ebenso bestimmt wie dessen Ablauf und dabei klare Grenzen für das Gespräch setzt.”

    http://www.ruhr-uni-bochum.de/.....jusojf.htm)”

    Man kann rechtes Gedankengut nicht nur durch ganz-doll-wollen abschaffen. Aber ohne ganz-doll-wollen schafft man es noch viel weniger ab.

    Comment by Frédéric Valin — Wed, 2009-09-23 @ 06:08

  2. Das Verhalten der Piraten zu bewerten war nicht mein eigentliches Ziel. Dass es ein Fehltritt war stelle ich nicht in Frage – mich persönlich stört das Interview nicht. Dass es trotzdem keine gute Idee war, sei mal unbenommen.

    Zweitens: Ums mal ganz krass zu formulieren: Man kann rechtes Gedankengut gar nicht abschaffen – egal wie sehr man auch will. Angst vor dem Fremden und Autoritätsglauben sind z.B. sehr grundlegende Wesenszüge des Menschen – die in letzter Konsequenz zu Holocaust und Führerprinzip führen. Die “Saat des Faschismus” werden wir also nicht komplett ausrotten können.
    Die Frage ist daher, wie wir als Gesellschaft damit umgehen. Und da stört mich halt ein bisschen dieses binäre Denken, das bei vielen vorherrscht – Nazi: böse, nicht Nazi: gut. Und irgendwo dazwischen ist irgendwo eine magische Linie.
    Wie geht man z.B. mit der JF um? Die Inhalte sind nicht Verfassungsfeindlich, und trotzdem gibt es einen Riesenaufschrei, weil Herr Popp mit denen spricht. Aber wenn Roland Koch ne Anti-Ausländer-Kampagne fährt ist das an sich schon okay und erzeugt nur sachliche, politisch korrekt formulierte Kritik, weil der gute Herr Koch ja nicht in die Nähe von Nazis gerückt werden darf. Weil Nazis: schlecht, aber CDU: nicht Nazi, deshalb gut.

    Es gibt ja unendlich viele verschiedene Ausprägungen von “rechts”, und entsprechend sollten wir als demokratische Gesellschaft auch abgestufte Möglichkeiten der Reaktion kennen. Schwarz/Weiß-Denke führt noch weniger ans Ziel als nur ganz-doll-wollen ;)

    Comment by Timm — Thu, 2009-09-24 @ 14:24

  3. Die Trennlinie verläuft zwischen demokratisch und nicht-demokratisch, im rechten Fall völkisch-autoritär. Man kann rechtes Gedankengut zumindest ächten wollen, man kann Rassismus brandmarken. Man kann. Man muss. Man kann es sich auch schönreden – bitte. Ein wenig wischiwaschi, und schon wird die JF zur rechtsliberalen Zeitung. My ass.

    Wenn Du glaubst, in der JF stünde nur Zeug, das verfassungsrechtlich unbedenklich ist, rate ich Dir, zumindest zwei Ausgaben mal zu lesen.

    Und wenn Du glaubst, dass die Verfehlungen eines Koch die Verfehlungen eines Popp rechtfertigen, frage ich mich, wozu die Piraten angetreten sind, alles anders zu machen.

    Comment by Frédéric Valin — Mon, 2009-09-28 @ 01:09

  4. Nicht rechtfertigen, aber ins Verhältnis setzen.

    Jede Handlung erfordert eine _verhältnismäßige_ Reaktion. Und im “rechten Umfeld” sind die Reaktionen eben meistens nicht verhältnismäßig.

    Versteh mich nicht falsch: Rechtem Gedankengut muss entschlossen entgegen getreten werden. Entschlossen, aber eben in der Reaktion immer in einem gesunden Verhältnis zu dem, was vorgefallen ist.

    Wenn man einen verhältnismäßigen Umgang mit linksradikalen oder islamisten oderoder fordert muss man eben auch bereit sein, verhältnismäßig mit den “anderen” umzugehen.

    Das Wischiwaschi-Trennlinien-Argument kann man nämlich auch umdrehen. Wenn bei uns bei jeder Kleinigkeit der Adolfalarm anspringt und wir die Leute sofort in die Schmuddelecke stellen, schaffen wir uns damit eben die Adolfs von morgen.
    Bei klar verfassungs- und gesetzeswidrigen Verhalten – keine Frage, da bin ich sofort dabei. Aber sobald sich die anderen auf unserer Seite der Linie bewegen, müssen wir eine passende Antwort finden. Und das kann keinesfalls immer dieselbe sein…

    Comment by Timm — Tue, 2009-09-29 @ 20:28

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