Er hat Jehova gesagt!

Es geht natürlich um das berüchtigte “Junge Freiheit”-Interview von Andreas Popp. Gewisse Parallelen zur berühmten Steinigungsszene können da tatsächlich nicht geleugnet werden.

Nun bin ich ja weder Piratenpartei-Mitglied (höchstens Sympatisant oder so) noch Junge-Freiheit-Leser, hab zu dem Thema also eigentlich nichts zu sagen. Allein: wirklich schockiert war ich von den Reaktionen der “Netz-Community” nicht. Okay, mit der Jungen Freiheit muss man jetzt nicht unbedingt sprechen, wenn die nach nem Interview fragen. Aber wenn man es doch tut bedeutet das genau – was? Eine Nähe zum rechten Rand? Weil man einer Zeitung nen Interview gibt, die von rechtsextremen gelesen zu werden?
Also Leute, wirklich. Das ist schon ein bisschen weit hergeholt.
Aber zum Thema “ist die Piratenpartei rechts” ist schon mehr als genug geschrieben, getrollt und geflamed worden – was zu erwarten war. Ich beteilige mich an dieser Stelle mal nicht an der Diskussion, zumal die momentan ja sowieso hauptsächlich selbstreferentiell ist. Vielmehr ist mir mal wieder aufgefallen, wie die öffentliche Diskussion abgleitet, sobald es um “die Nazis” geht.

Wirklich erschreckend ist dabei immer wieder die ritualisierte Empörungswelle, die über den aktuellen “schuldigen” hinwegrollt. Und da erdreistet sich doch der Seipenbusch auch noch, den politischen Umgang mit dem braunen Rand zu kritisieren. Dieser alte Faschist! (Ironietags hab ich mal weggelassen)

Was mich bei solchen Diskussionen (hat man ja immer mal wieder) so extrem stört ist das fast schon hysterische kreischen der Kommentatoren. Ich hab teilweise den Eindruck, da wird sich wirklich nur aus Prinzip aufgeregt und das abgedroschene geblubber von der ständigen Gefahr durch Rechts runtergeleiert.
Wer die ganze Zeit nur das “mit denen darf man einfach nicht reden und man muss sich immer distanzieren weil mitdenendarfmanjanieniemalswaszutunhaben”-Geschwafel runterbetet und hauptsächlich drauf bedacht ist, sich möglichst weit von “den rechten” zu positionieren, überlässt dem braunen Lumpenpack einfach kampflos das Feld.

Je mehr man sich nur darüber definiert, möglichst weit von “den anderen” weg zu sein, desto weniger hat man “denen” entgegenzusetzen. Heutzutage brüllen die Rechtsextremem nicht mehr plump “Ausländer raus” und zünden Asylbewerberheime an, heute reden sie lieber in Anzug und Krawatte von “Rückführung” und sitzen im Landtag. Und warum? Weil die “wehrhafte Demokratie” jahrelang mit Empörung und Distanzierung beschäftigt war, statt sich mal ernsthaft mit dem Problem auseinander zu setzen. Ums mal mit Seipenbuschs Worten zu sagen: Ein paar feine Stoppschilder haben wir uns da aufgebaut.

“Mit solchen Leuten spricht man nicht”. Dumm nur, dass solche Leute aber trotzdem sprechen. Und je mehr wir uns bemühen, nichts mit “denen” zu tun zu haben, desto mehr Menschen werden ihnen zuhören, und nicht mehr uns.
Nicht jeder NPD-Wähler und JF-Leser ist ein überzeugter Nazi. Und selbst wenn: Auch diese sind Menschen – ihnen stehen die gleichen Rechte und Freiheiten zu wie allen anderen auch.
Um mal die Ärzte zu zitieren: Ja, die Sonne scheint auch für Nazis.

Und diese Leute sind nunmal heute schlau genug, ihre Ansichten so zu verpacken, dass es keine Volksverhetzung ist. Jetzt kann man sich natürlich immer weiter distanzieren und von jedem Themenfeld verabschieden, dass auf diese Weise vom braunen Rand besetzt wird. Und nebenbei auch von den Menschen, die mit Ihren aus political correctness ignorierten Sorgen meinen bei “denen” Gehör zu finden.

Xenophobes und authoritäres Gedankengut existiert nunmal und man kann es nicht durch bloßes ganz-doll-wollen abschaffen. Und statt was von drohender Unterwanderung zu schwafeln und bei jeder Gelegenheit vor der rechten Gefahr zu warnen, sollten wir mal was dagegen tun. Man überzeugt Menschen nicht, indem man gleich die Nazi-Keule schwingt.

Hoppla, hab ich da etwa auch “Jehova” gesagt.