Mit der Verabschiedung des Zensurgesetzes letzen Donnerstag und dem darauf folgenden Meinungs-und Medienecho hat die Diskussion um den aktuellen “Generationenkonflikt” ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Nicht nur seit der Bundestagsabstimmung über das “Zugangserschwerungsgesetz” wogt der Kampf unerbittlich hin und her. Auf der einen Seite die Internetausdrucker in Politik und den klassischen Medien – auf der anderen Seite die Blogger, Raubkopierer, Kinderporno-Schützer und Umsonst-Mentalitäts-Kulturvernichter.
Internet vs. Alte Säcke könnte man also meinen – so schön einfach macht es uns das Leben zum Glück nicht. Jedes mal, wenn sich eine neue Kulturtechnik durchsetzt, führt das zu Veränderungen. Liegt in der Natur der Sache. Und nun gibt es halt Leute, die diese Veränderungen gut finden und solche, die ihre Interessen durch sie bedroht sehen. Soweit auch nichts neues. Allerdings sollte man auch hier vor allzu viel Schwarz/Weiß-Spielchen Abstand nehmen. Denn im “aufziehenden” “Kulturkampf” haben beide Seiten berechtigte Interessen – es kann also nicht schaden, sich den grundlegenden Konflikt mal genauer anzuschauen.
Was tut das Internet? Um das zu verstehen, sollten wir uns mal in die Welt ohne Netz zurückdenken: Ohne digitale Kommunikation bzw. deren vollständigste Implementierung im Internet steigen die Transaktionskosten der Kommunikation direkt proportional zur Menge der Menschen, die man erreichen will und die Entfernung zu diesen. Entsprechend können privatpersonen nur recht eingeschränkt kommunizieren. Entweder eins-zu-eins (per Post oder Telefon) oder z.B. bei Konferenzen oder anderen Treffen mit einer begrenzten Zahl gleichgesinnter. Alles andere erfordert eine teure Infrastruktur, teure Verfielfältigungstechnik und stetiges Balgen um die ebenfalls begrenzten Funkfrequenzen, Satelliten- oder Kabelkapazität. In diesem System fällt die Kommunikation mit vielen Empfängern einigen wenigen zu: Zeitungsverlagen, Fernsehsendern, Musiklabels, Hollywood-Studios usw.
Das ganze Konstrukt hat ein paar praktische Eigenschaften:
- Eine Filterung kann an wenigen, zentralen Stellen stattfinden. Unerwünschte Inhalte können schon vor der Verteilung ausgefiltert bzw. auch nachträglich leicht eingedämmt werden
- Die Informationsversorgung läuft in geregelten, vorausberechenbaren Bahnen. Zeitung morgens, Tagesschau Abends um 8.
- Das Entlohnungsmodell ist einfach und transparent. Es bezahlt der, der gehört/gesehen/gelesen werden will (Wahlwerbung, Werbeflyer, Flugblätter) oder der, der hören/lesen/sehen will. Oder beide.
- Das ganze ist eine echte Goldgrube für diejenigen, welche die Infrastruktur für die Verfielfältigung haben.
Wenn mans mal ganz objektiv betrachtet, haben alle Punkte sowohl Vor- als auch Nachteile, sind also nicht grundsätzlich gut oder schlecht. Also nix schwarz/weiß an dieser Stelle.
So, und jetzt kommen die Informatiker um die Ecke und entwickeln eine Technik, die all das komplett umschmeißt. Das Internet bzw. die auf IP basierenden Dienste reduzieren die Transaktionskosten für Vervielfältigung und Veröffentlich auf praktisch nichts. Mit den aktuell verfügbaren Bandbreiten und techniken wie DynDNS oder p2p kann praktisch jeder praktisch jeden praktisch in Echtzeit für praktisch kein Geld erreichen. Die Auswirkungen sind klar – die oben aufgeführten Wahrheiten gelten auf einmal nicht mehr. Und dessen könn wir uns sicher sein – solange die grundlegende Technik sich nicht ändert (und das wird sie nicht – mittlerweile wird mit und über das Internet SEHR viel Geld verdient) ist das die Grundlegende Wahrheit des 21. Jahrhunderts. Punkt.
Was allerdings noch völlig offen ist, ist die Ausgestaltung dieser Wahrheit. Was wird z.B. aus den Mittlern, die wir früher brauchten? Fernseh & Radiosender, Verlage usw. sind die natürlichen Verlierer. Druckerpressen und Funkfrequenzen haben im Internetzeitalter einfach nicht mehr den ROI wie früher, weshalb diese in ihrer heutigen Form auch vor die Hunde gehen werden. Es sei denn, sie finden andere Betätigungsfelder, für die Leute bereit sind, zu bezahlen. Das ist natürlich viel schwieriger, als einfach das zehnte einzufahren und sich keine Gedanken zu machen – deshalb beschweren die sich im Moment auch (noch) am lautesten. Aber daran hat man sich ja zwischenzeitlich gewöhnt.
Die Jungs sind einfach die Scherenschleifer der heutigen Zeit – ihre Kernkompetenz ist eine Leistung, die keiner mehr braucht.
Gesamtgesellschaftlich gesehen sind die anderen Punkte allerdings viel interessanter, insofern dass es hier Stoff für langwierige Diskussionen gibt. Man kann ja grundsätzlich für jeden Aspekt vier Interressengruppen identifizieren:
- Diejenigen, die es noch nicht verstanden oder akzeptiert haben
- Diejenigen, die es verstanden haben, der Entwicklung aber entgegensteuern wollen
- Diejenigen, die das ganze schon immer scheiße fanden und lieber heute als morgen die totale Freiheit hätten
- Diejenigen, die irgendwo dazwischen sind
Fakt ist: Es wird Veränderungen geben.
Die Frage ist: wie soll unsere Gesellschaft mit den neuen Möglichkeiten aussehen? Wie kann ein Urheberrecht in dieser Welt funktionieren? Wie Regeln wir die Vergütung für die “Schaffenden”? Gibt es “unerwünschte” Informationen und wie gehen wir damit um? Wie setzen wir unsere Gesetze in der vernetzten Welt am besten durch? Wie schützen wir unsere Privatsphäre?
Antworten hierauf zu finden wird nicht einfach sein, und ein Patentrezept kann wahrscheinlich wirklich keiner vorlegen. Im moment ist es so wie immer – die Vertreter von Extrempositionen rufen im Moment einfach am lautesten. Insbesondere diejenigen, welche sich nicht anpassen können oder wollen, sind natürlich am lamentieren. Am Ende wird man sich aber wie überall irgendwo in der Mitte treffen müssen. Wir brauchen einen Rechtsrahmen, der den neuen Möglichkeiten des Internet Rechnung trägt, und gleichzeitig die Gefahren eindämmt – auf Basis unserer demokratischen Verfassung.
Allein – diese Diskussion findet auf gesellschaftlicher Ebene noch gar nicht statt.
Stattdessen verstehen es bestimmte Einzelinteressen hervorragend, die Skeptiker in den Verantwortlichen Positionen aufgrund deren uninformiertheit für die eigenen, egoistischen Ziele einzuspannen. Der momentane Konflikt findet also eher zwischen einigen wenigen (bzw. deren egoistischen Zielen) und dem Rest der Gesellschaft statt.
Der wirkliche “Kulturkampf” hat noch gar nicht begonnen. Wobei für das, was uns bevorsteht und teilweise ja schon seit einigen Jahren passiert, durch die Wörter “Generationenkonflikt” und “Kulturkampf” weniger gut beschrieben wird. Es findet eher eine Transformation statt – die Gesellschaft entdeckt langsam die neuen Möglichkeiten und richtet danach Ihre moralisch/ethischen Einstellungen neu aus. Die Gesetzliche Abbildung derselben folgt dann später – das war bisher immer so und wird auch dieses mal so sein.
Alles in allem ist das ein eher friedlicher Prozess – Unter der Bedingung, dass die Mächtigen wirklich an einem Konsens interessiert sind, der von der breiten Mehrheit der Gesellschaft getragen wird. Einen echten “Konflikt” gibt es eigentlich nur dann, wenn die Mehrheit übergangen wird…
Nein, einen Generationenkonflikt gibt es nicht – nur einen Konflikt zwischen den Interessen der Gesellschaft als ganzes und denen weniger einzelner.