Kurz und schmerzlos? Oder: Die andere Art, einen Krieg zu “gewinnen”
Nach “nur” 5 Tagen war der “Krieg” zwischen Georgien und Russland um ein paar Kilometer Gebirge wieder vorbei. Die Welt atmet auf und währne die Lage weiter unübersichtlich bleibt, werden Besiegte ausfindig gemacht und versucht, dem ganzen einen Sinn zu unterstellen.
Da darf man sich als Teilzeit-Konfliktforscher natürlich nicht lumpen lassen und ich verbreite hiermit meine ganz eigene Theorie über Sieger und Verlierer. Der wahre Sieger ist meiner Meinung nach nämlich eindeutig Georgien.
Klingt nach der totalen militärischen Niederlage natürlich etwas dämlich, aber wie in Shimon Tzabar’s genialem Antikriegsbuch “Das Prinzip der weißen Fahne: wie man Kriege verliert und warum” beschrieben, führt eine militärische Niederlage in der Regel eher zum Ziel als ein Sieg.
Und wenn man sich die Nachrichten aus der Region von vor dem letzten Freitag so anschaut, gab es für die Georgier im Frieden sowieso nicht viel zu gewinnen: Abchasien und Süd-Ossetien standen relativ kurz vor der Souveränität, Aufmahme in NATO und EU in weiter, WEITER Ferne, das ganze garniert mit innenpolitischen Problemen.
Es beim Status Quo zu belassen hätte dem kleinen Land und insbesondere seiner Führung also keinerlei Vorteile gebracht - wohingehend der Versuch einer “militärischen Lösung” praktisch keine Risiken birgt.
Im Grunde gab für den Einmarsch nur zwei mögliche Ergebnisse:
- Die Russen kuschen - unwahrscheinlich, aber möglich und sehr verlockend
- Die Russen lassen sich auf die Provokation ein. Georgien hat militärisch keine Chance, kapituliert binnen weniger Tage, hat darüber hinaus aber mit keinen ernsthaften Konsequenzen zu rechnen
Fall 2 ist jetzt Erwartungsgemäß eingetreten. Im Vergleich zu letzter Woche hat sich für Georgien eigentlich nichts zum eignen Nachteil entwickelt. Die Russische Armee wird das Kernland wieder verlassen (Moskau wird Georgien nicht erobern - das Risiko einer Konfrontation mit dem Westen ist zu groß - und dabei gäbe es für Russland wirklich nichts zu gewinnen), und der Status der beiden Provinzen bleibt erstmal ungeklärt weiter ungeklärt. Vielleicht tritt die Unabhängigkeit jetzt schneller ein, als sie es sowieso wäre.
Entgegen der ersten Berichte werden sich meiner Meinung nach die Opferzahlen auch in Grenzen halten - ich spreche beiden Parteien einfach mal die Fähigkeit ab, im großen Stil binnen so kurzer Zeit tausende Zivilisten abzuschlachten. Anderslautende Berichte sind meiner Meinung nach Propaganda.
Hinzu kommt noch, dass Georgien vermutlich auf internationale Hilfe beim Wiederaufbau und der Versorgung der Betroffenen hoffen kann - im Gegensatz zu Russland.
A propos Russland: Die haben sich in der ganzen Geschichte ja erstmal lächerlich gemacht. Einen Krieg gegen Georgien gewinnen? Wohl kaum eine Leistung, mit der man sich im Kreml brüsten kann. Stattdessen wird man anstatt der georgischen Aggression wohl eher die unverhältnismäßige russische Antwort in Erinnerung behalten. Und einer nach bestem Muster panisch flüchtenden georgischen Armee fiel Moskau auch nichts anderes ein als plumpe Bestrafer-Rhetorik und gleichzeitig “Wir machen nichts schlimmes, obwohl wir könnten. Echt”.
Na jedenfalls ist das Verhältnis zwischen Russland und Westen jetzt erstmal gründlich abgekühlt. Übrigens auch ein Umstand, der Ländern wie Georgien nur nutzen kann - es steigert ihren strategischen Wert.
In diesem Sinne: Wenn du im Frieden nichts gewinnen kannst, versuchs doch mal mit einem verlorenen Krieg…


Ein unerträglicher Zustand! Frau Merkel streut jetzt noch zusätzliches Salz in die Wunde. Aus welchem Grund spricht Frau Merkel sich für einen NATO-Beitritt von Georgien aus? Es liegt doch auf der Hand, dass dieses Vorhaben ein sehr gefährliches Unterfangen ist. Wozu dieses Säbelrasseln?!
Comment by foreignmember — Mon, 2008-08-18 @ 08:01