Noch nicht so ganz zu Hause
Erstmal sorry, dass es die letzten Tage hier so still war. Ausreichend Futter hätte es gegeben, aber leider hat mich die verbreitete Atemwegserkrankung etwas aus der Bahn geworfen.
Vermutlich hat meine Schwester – wie eigentlich immer – die aggresivsten, resistentesten und bösartigsten Viren aus der Krankheitserreger-zucht-und-verbreitungs-Einrichtung genannt “Schule” mitgebracht. An dieser Stelle auch noch mal ein dickes Dankeschön an all jene Eltern, die ihre Kinder krank zur Schule schicken, auf dass zwei Tage später auch ja alle anderen Schüler plus Familien flach liegen. Sehr Verantwortungsbewusst…
Aber zum eigentlichen Thema: So ganz hab ich Kairo noch nicht hinter mir gelassen (das ist vermutlich in der Situation auch recht schwierig), entsprechend hat mich diese Nachricht über einen ägyptischen Blogger, der jetzt zu vier Jahren Haft verurteilt wurde, ganz schnell wieder über das Land am Nil nachdenklich werden lassen.
Da ich ja wieder in Deutschland bin, kann ich ja jetzt ohne Bedenken (???) ein bisschen meine Eindrücke vom politischen System schildern. Ich war zwar “nur” fünf Wochen da und habe als Ausländer ohnehin jede vorstellbare Freiheit genossen, aber man bekommt trotzdem schon einiges mit. Allein die Soldaten an jeder (!) Straßenecke sagen schon mehr als tausend manipulierte “Wahlen”.
Egal, was unsere Regierung oder die Medien sagen: Ägypten ist (nach meiner Definition, die sich aber mit derjenigen so ziemlich aller Leser hier decken dürfte) eine Militärdiktatur. Außerdem wird das Land mittlerweile offensichtlich von Menschen geführt, deren Inkompetenz sich wirklich nur durch 700.000 Gewehrläufe verstecken lässt. Dass man sich mit (ausländischem) Geld fröhlich die eigenen Taschen vollstopft, muss ja nicht zusätzlich erwähnt werden.
Besonders interessant ist dabei allerdings, dass es den Ägyptern ziemlich egal ist. Klar wissen sie, dass sie nicht frei sind, aber was kratzt es sie, solange Essen auf dem Tisch steht, Mörder/Terroristen/Kinderschänder/Blogger hart bestraft werden und man im Fernsehen dümmliche Talkshows und manipulierte Nachrichten über den verkommenen Westen und die pösen pösen Juden schauen kann.
Wem hier gewisse Parallelen zu gewissen Bevölkerungsschichten in anderen Gegenden der Welt auffallen, der macht sich wahrscheinlich die gleichen Sorgen wie ich. So viel trennt uns nicht von Ägyptischen Verhältnissen leider nicht (mehr). Es sollte uns eigentlich nicht so egal sein, wie ganz offensichtlich großen Teilen der Bevölkerung ist.

